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Die Künstlerin Jeanne Mammen (1890 - 1976)


"Selbstbildnis", um 1932, WVZ: Z 365

"Selbstbildnis", um 1932, WVZ: Z 365.

Jeanne Mammen zählt zu den ausdrucksstärksten und vielseitigsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Sie wird häufig zusammen mit Käthe Kollwitz und Hannah Höch genannt. In der Tat bestehen zwischen diesen drei engagierten Künstlerinnen insofern Ähnlichkeiten, als sie sich der gesellschaftlichen Emanzipation verpflichtet wussten und die Jahre ihres großen Erfolgs in der Weimarer Ära lagen. Doch damit haben sich die Gemeinsamkeiten schon erschöpft, wie denn auch der Vergleich mit Malern wie Otto Dix und George Grosz nicht zu überzeugen vermag. Übereinstimmungen finden sich nur in den Motiven, nicht aber in der künstlerischen Optik. Jeanne Mammen hat weder mitleidig das soziale Elend angeprangert noch mit Hohn und destruktivem Gestus den Bourgeois attackiert. Sie war die einzige Künstlerin in ihrer Epoche, die aufgrund ihrer Einfühlungsgabe und ihres unbestechlichen Blicks den Menschentyp jener Zeit präzis und beispielhaft wiederzugeben verstand.

Jeanne Mammen, 1975

Jeanne Mammen, 1975.

Jeanne Mammen wurde im Jahr 1890 in Berlin geboren. Sie wuchs in Paris auf, wohin ihre Eltern zogen, als sie fünf Jahre alt war. So wurde ihr Französisch zur zweiten Muttersprache, und zwanglos wuchs sie in die reiche Tradition der französischen Literatur und Bildenden Kunst hinein. Schon im Alter von dreizehn Jahren war sie eine eifrige Leserin, nahm die zeitgenössische französische Literatur auf und war besonders von solchen visionären Texten fasziniert wie Flauberts "Tentation de Saint Antoine" [Die Versuchung des Heiligen Antonius], der zu ihrer bevorzugten Lektüre wurde.

Nach einer sorgenfreien Kindheit und Jugend in Paris begann sie 1906 ihre Ausbildung als Malerin an der Académie Julian in Paris, gemeinsam mit der älteren Schwester Marie Louise. Beide Schwestern setzten im Jahr 1908 mit einem Studium für Malerei und Zeichnung an der Académie Royal des Beaux-Arts in Brüssel fort, im Jahr 1911 an der Scuola Libera Academica, Villa Medici, in Rom. Jeanne Mammens frühe Arbeiten, ihre Skizzenbücher dieser Zeit mit Motiven aus Paris, Brüssel, La Panne, Ostende und Berlin, belegen sowohl ihre ungewöhnliche zeichnerische Virtuosität und die erstaunliche Sicherheit im Charakterisieren der Personen, in Komposition und Farbgebung.

Im Jahr 1914, bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, musste Jeanne Mammens Familie mit dem letzten Zug aus Frankreich nach Holland flüchten, um einer Internierung zu entgehen. Der Vater, Gustav Oskar Mammen, ein begüterter Kaufmann, gilt als feindlicher Ausländer, sein Eigentum fällt an den französischen Staat. Die Flucht endet 1916 in Berlin, wo sich die völlig mittellose Künstlerin zuerst nur mühsam durchs Leben schlägt. Die Jahre während und nach dem Ersten Weltkrieg waren von Entbehrungen und Überlebenskampf gezeichnet, immer auf der Suche nach Arbeit, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Die Folgen der sozialen und politischen Umbrüche durch die Weltwirtschaftskrise ließ sie zuvor unbekannte Erfahrungen machen, führte sie sehr nahe zu den verschiedenen Menschentypen und machte sie sehr aufgeschlossen und empfindsam für deren existentiellen Probleme. Diese Erfahrungen aus erster Hand fuhren ihr buchstäblich unter die Haut und fanden einen intensiven Ausdruck in ihren Kunstwerken. (Eberhard Roters)

Zusammen mit ihrer Schwester bezieht sie 1919 das Atelier im Hinterhaus Kurfürstendamm 29, vier Treppen hoch, wo sie bis zu ihrem Tode, bis 1976, bleiben wird, 57 Jahre lang. Von hier aus unternimmt sie, getrieben von der Notwendigkeit, Geld verdienen zu müssen, verlockt aber auch vom schöpferischen Laster der Neugier, ihre eingehenden Milieustudien in allen Teilen Berlins. Sie setzt sich in Charlottenburg und am Wedding in die Arbeiterkneipen, wagt sich in die Kaschemmen um den Alexanderplatz, wo noch waschechtes Zille-Milieu anzutreffen ist, einschließlich das Lumpenproletariat und die organisierte Unterwelt, die Alfred Döblin literaturfähig gemacht hat. Und sie ist natürlich auch Gast im Romanischen Café, dem Künstlerlokal an der Gedächtniskirche, das nur ein paar Schritte von ihrer Atelierwohnung entfernt lag. Da sitzt sie und skizziert und beobachtet genau, was um sie vorgeht. Sie zeichnet die müden und leeren Augen der Lebedamen im Lunapark, den Jubel der Kinder auf den Karussellpferdchen, Strichmädchen, die in der Kälte auf Freier warten, den En-gros-Händler beim Tête-à-tête mit der Bardame, den Arbeitslosen auf der Parkbank, den Zuhälter beim Korn, das Pärchen im Gartenrestaurant, die Zeitungsjungs, die Hautevolée auf dem Rennplatz und in der Theaterloge, und immer wieder die Berlinerin in all ihren Varianten: die kesse Göre und die brave Konfirmandin, die herb-süßen Lesbierinnen, den dämonischen Vamp, die Balletteuse, die Kellnerin, all diese Typen mit und wider Willen, vom Blumenmädchen bis zur Trinkerin, von der Gymnasiastin bis zur verkommenen Schlampe. Diese Zeichnungen und Aquarelle finden sich vom Jahre 1924 in den zahlreichen Illustrierten und Mode-Zeitschriften, die damals in Deutschland sehr populär waren: "Simplicissimus", "Uhu", "Ulk", "Der Junggeselle", "Die schöne Frau", "Jugend" usw.

Die Jahre von 1924 bis 1934 können als ihre Realistische Periode bezeichnet werden. Im Jahr 1929 huldigte ihr Kurt Tucholsky, Mitherausgeber des liberal-intellektuellen Wochenblattes "Die Weltbühne", und veröffentlichte seine Antwort an Jeanne Mammen: "Die zarten duftigen Aquarelle, die Sie in Magazinen und Witzblättern veröffentlichen, überragen das undisziplinierte Geschmier der meisten Ihrer Zunftkollegen derart, dass man Ihnen eine kleine Liebeserklärung schuldig ist. Ihre Figuren fassen sich sauber an, sie sind anmutig und herb dabei, und sie springen mit Haut und Haaren aus dem Papier. In dem Delikatessenladen, den uns Ihre Brotherren wöchentlich oder monatlich aufsperren, sind Sie so ziemlich die einzige Delikatesse."

Ein nachhaltiger Erfolg wird auch die große Ausstellung, die im Jahr 1930 der Galerist Fritz Gurlitt für sie ausrichtete. Im Jahr 1931/1932 schuf sie, im Auftrag Fritz Gurlitts, nach Pierre Louys' "Les Chansons de Bilitis" [Die Lieder der Bilitis] (1894) eine Serie von acht zweifarbigen Lithographien, eine Hommage an die lesbische Liebe. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 verhinderte das Erscheinen der Auflage; nur einige Probeandrucke sind erhalten.

Zum zweitenmal und nun noch einschneidender als 1914 kommt es zum Bruch in der Karriere der Malerin. Sie lehnt es ab, die "gleichgeschalteten" Redaktionen weiterhin mit ihren Illustrationen zu beliefern, erklärt, sie sei jetzt "anderweitig beschäftigt". Aus Protest gegen den offiziellen Kulturbetrieb löst sie sich von ihrer realistischen Malweise. Sie fängt noch einmal neu an. Es beginnt ihre (an Picasso orientierte) "kuboexpressive Periode": heimlich malt sie diese ruppigen Bilder, zeigt sie niemandem. In ihnen hat sie während des Krieges und in den ersten Nachkriegsjahren die Risse dargestellt, die durch die Welt, durch den Menschen, gehen. Von nun an ist ihr Atelier ihre Festung, in der sie sich einigelt. Auf Kontinuität sieht sie nur bei ihren "Fingerübungen", da zeichnet sie in einem Abendaktstudio weiterhin großformatige Porträts mit dem Bleistift. Eine beeindruckende Zahl von 2.000 Zeichnungen ist in dieser Zeit entstanden.

"Bildnis einer Frau mit Hut", WVZ: Z 678

"Bildnis einer Frau mit Hut", WVZ: Z 678.

Der Bombenkrieg wirkte sich verheerend aus, gerade am Kurfürstendamm. Auch das Haus Nr. 29 wurde getroffen, wenn auch das Atelier selbst vor größerem Schaden verschont blieb. Weder der Mangel an Farben und Malmaterial noch die häufigen Stromunterbrechungen hielten Jeanne Mammen von der Arbeit ab. So modellierte sie jetzt aus Gips oder Ton Skulpturen im kuboexpressiven Stil und benutzte für ihre Bilder verschiedene Materialien, z. B. von der Sowjetarmee in den Trümmern des Hofs ihres Wohnhauses zurückgelassene Drähte, aber auch die weißen Schnüre der Care-Pakete, die ihr von Max Delbrück aus den USA geschickt worden sind. Ihm schrieb sie 1947: "Ich modelliere wegen der häufigen Stromunterbrechungen bei Kerzenlicht".

Schon 1945, sofort nach Ende des Zweiten Weltkrieges, nahm sie an der Gemeinschaftsausstellung in der Kamillenstraße in Berlin-Steglitz teil. Im Jahr 1947 wurden Bilder und Zeichnungen, die sie während ihrer zurückgezogenen Zeit geschaffen hatte, dem Publikum in einer Einzelausstellung in der Galerie Gerd Rosen (der ersten Galerie, die nach dem Krieg moderne Kunst in Deutschland präsentierte), gezeigt, organisiert von ihrem Künstlerfreund Hans Uhlmann.

1949/1950 schließt sie sich dem legendären Künstler-Kabarett der Nachkriegszeit "Die Badewanne" an. Sie beteiligt sich an den surreal-dadaistischen Aufführungen, plant und baut Ausstattungen und Bühnenbilder und entwirft Dekorationen und Kostüme. Weiterhin aber lebt sie scheu und zurückgezogen in einem kleinen Kreis von Künstlerfreunden, unter ihnen die Maler Hans Thiemann, Hans Laabs und die Dichter Johannes Hübner und Lothar Klünner. Sie widmete sich nur der einen wahren Leidenschaft ihres Lebens: der Malerei.

Diese anhaltende und tiefe Hingabe ermöglichte es ihr, die beeindruckenden und facettenreichen künstlerischen Werke zu schaffen, eingeschlossen ihre Skulpturen, ihre Graphiken, ihre Bilder sowohl aus der lyrisch-abstrakten als auch aus der skurril-abstrakten Periode, Buntpapier-Collagen mit Stanniol und die "Numinosen" Bilder. Diese späte Schaffensperiode kann dem Vergleich mit den bedeutenden und viel bewunderten frühen Arbeiten aus der Weimarer Zeit unbestritten standhalten.

Bei Betrachtung der Buntpapier-Collagen wird offensichtlich, dass immer wieder in Jeanne Mammens Leben und Werk ein Hauch von jener Phantastik und Magie durchschimmerte, der das Faszinosum ihrer Brüsseler Studienzeit war, ein Hauch der - aller rationalen Skepsis, die ihr auch eignete, zum Trotz - die Realität ein klein wenig in Frage stellte und sich zuletzt im Spätwerk verdichtete zu dem skurrilen Humor, mit dem James Ensor bereits demonstriert hatte, dass unser Leben ein einziger Karneval sei. Als bestes Beispiel dient dafür das große Bild "Photogene Monarchen" (WVZ: G 275) von 1968 - es zeigt das Kaiserpaar Schah Reza Pahlewi und Fara Diba beim Staatsbesuch in Berlin. Bei dem Besuch war es zu den blutigen Auseinandersetzungen zwischen den "Prügelpersern" und den FU-Studenten gekommen, in deren Verlauf der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde. Wieder wie zuvor in den 20er und 30er Jahren ist die Malerin zur Chronistin der Berliner Ereignisse geworden. Aber nicht mehr bittere Anklage wie einst in der Nazizeit war jetzt die künstlerische Gestaltungsform für politische Stellungnahme, vielmehr sah sie nun das Geschehen aus altersweiser Distanz, sozusagen sub specie aeternitatis; unter diesem Gesichtswinkel der Ewigkeit sah sie zwei mit Bonbonpapier aufgedonnerte Popanze stehen, deren Herrschertage gezählt waren. Die Weisheit des Predigers Salomo "Alles ist eitel" - jenes Vanitas-Bekenntnis der Brüsseler Symbolisten - war denn auch zu Jeanne Mammens letztem künstlerischen Credo geworden.

Jeanne Mammen hatte die feste Angewohnheit, ihre Bilder nicht immer zu signieren und nie zu datieren. Ihrer Meinung nach war diese Information irrelevant für das Verständnis und für die Anerkennung von Kunst, die zuerst und hauptsächlich mit den Sinnen erfasst wird. Deshalb ist es recht bemerkenswert, dass sie ihr letztes Bild "Verheißung eines Winters" (WVZ: G 295) vom 6. Oktober 1975 signiert und datiert hat. In einem der wenigen Interviews mit Hans Kinkel aus Anlass ihres 85. Geburtstages sagte sie: "Jetzt habe ich eine übertriebene Vorliebe für Weiß, nachdem ich mich darauf besonnen habe, alle Bilder in Weiß zu malen. In hunderttausend Jahren werden sie alle golden geworden sein." [FAZ, 1975]. Dann nahm die schwere Erkrankung ihr den Pinsel für immer aus der Hand.

Jeanne Mammen in ihrem Atelier, 1975

Jeanne Mammen in ihrem Atelier, 1975.
An der Wand ihr letztes Bild "Verheißung eines Winters".

 

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